uninteressantes Geschwafel einer unerhörten Philosophin

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Problemkinder

Maya hungert

Diagnose: Magersucht. Dass ich nicht lache. Ich würde es anders nennen: Die Welt hat Fettsucht. Nur weil ich mich unter Kontrolle habe. Nur weil mir nicht egal ist, wie ich rumlaufe. Nur weil ich mich nicht damit zufrieden gebe, wie sie zu sein.
Ich habe die Kraft zum Anderssein. Ich habe die Kraft, auch wenn sie die mir nicht zuschreiben. Mangelernährung, Hungerkind. Die wissen gar nicht, wie viel Kraft ich habe. Immerhin habe ICH mich geändert. ICH renne nicht hinter dem Essen her. Sie sind es! ICH bin nicht abhängig. Sie sind es! ICH verwahrlose nicht in meinem Körper. Sie sind es!
Umso weniger Umfang mein Körper hat, umso mehr Inhalt ist in meiner Seele. Umso weniger Ballast meiner äußeren Hülle anlastet, desto mehr füllt sich mein Geist mit Sinn. Je weniger Völle in meinem Magen ist, umso mehr schwindet die Leere aus mir, die Leere, die da war, als ich noch so war wie sie. Ich ekle mich vor ihnen, so wie ich mich vor mir geekelt habe, als ich noch so war wie sie. Ihre Körper sind schwammig, aufgedunsen und fett. Die Straffheit ihrer Haut rührt vom Angefülltsein mit Fettpolstern. Sie schwimmen oben und mit dem Strom, wie tote Fische. Sie sind prall und widerlich voll – bis an den Rand mit Essen gefüllt, wie Mastferkel, die auf die Schlachtung warten. Willenlos warten sie, bis sie platzen, anstatt aufzustehen und ihr Leben in die Hand zu nehmen!
Meine Haut ist straff, weil sie sich um meinen Körper spannt. Von Sehne zu Sehne, von Muskel zu Muskel. Nirgends ist da mehr Fett, keine Falten beim Sitzen, keine Speckröllchen, nirgends. Ich bin nur noch ich selbst, nichts lastet mir an, ich habe die volle Kontrolle.
Früher war das anders. Ich schlemmte wie sie und hasste mich selbst, nach jedem Fehltritt, den ich tat. Ich wurde gehänselt und gehasst, herumgeschubst und kommandiert. Sie lachten mich aus, weil ich groß werden wollte, größer als sie, besser als sie.
Nun kann ich über sie lachen. Jetzt kann ich sie von oben sehen, und erkenne, wie sie kämpfen müssen mit sich selbst. Wie sie sich Opfer suchen, die schwächer sind als sie, damit sie sie demütigen können, um sich selbst besser zu fühlen. Das ist doch immer so. Doch ich bin nicht ihr Opfer, ich bin nicht schwächer als sie. Ich stehe über ihnen und lasse mich nicht fertig machen. Jetzt nicht mehr.
Ich habe es ihnen allen gezeigt. Mir selbst allen voran. Ich habe geschafft zufrieden zu sein, mit dem, was ich tue. Mit meinem Körper, mit meinem Ich. Ich habe mich befreit von den Fesseln der Fresssucht. Und nun sind sie neidisch und wollen, dass es mir wieder schlecht geht. Sie halten mich gefangen und wollen mich mästen, damit ich wieder werde wie sie. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke. Eher sterbe ich, als mich an so eine Maschine anschließen zu lassen. Eher sterbe ich, als mir durch eine Nadel diese Masse spritzen zu lassen, die mich nähren soll, ohne, dass ich es will. Eher sterbe ich, als mit ihnen zu kooperieren, wenn sie mein Leben versauen wollen. Ich will meine Würde behalten.

Ich habe sie doch gerade erst gewonnen.


A.E.W. Aus der Reihe "Problemkinder - Porträt einer schizophrenen Jugend"
12.12.07 18:25


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Sara im Rausch



Ich tue es immer wieder.
Sobald ich den Stoff ran hab, denn es ist immer alles viel zu schnell weg. Die Ekstase, die Freiheit und der Stoff. Ganz schlimm ist es, wenn der Stoff zu spät kommt und ich im Gezittere etwas von dem Löffelchen verschütte, die Spritze fallen lasse, das Feuerzeug nicht funktioniert. Man sitzt wie auf Kohlen. Die Begierde in einem frisst einen auf. Das ist verdammt schmerzhaft.
Am Anfang war es noch anders. Die Joints waren was Neues, „high“ - sein machte unheimlich viel Spaß. Alles war so einfach, … schwebend, … wolkig… Man konnte alles hinter sich lassen und es verging nur langsam. Aber das war nicht genug. Seit Axel tot ist, hab ich mit dem Fixen angefangen. Ich musste verstehen. Vergessen. Es ist leichter in dem anderen Zustand. Nichts kommt an dich ran. Gar nichts. Wenn die alten Säcke nach dir greifen, du alles für sie tust, weil sie das Geld für den Stoff haben…
Der Stoff steht im Mittelpunkt. Und wenn du ihn hast…
Weißt du? Stoff verlierst du nicht. Es wird immer welchen geben und du wirst ihn immer irgendwoher bekommen. Wenn du das Geld hast, klar, aber solange das Zittern und die Schmerzen nicht zu groß werden, ist Geld kein Problem. Die Alten kommen sowieso. Sie stehen Schlange für dich. Du darfst ihnen nur nicht in den Schoß kotzen, sonst kommen sie nicht wieder. Und tu ihren teuren Autos nichts, sonst bist du tot.
Der Stoff ist dein Freund, die anderen Zombies mit den weiten Pupillen, die sind es auch, doch wenn sie anfangen zu zittern, nimm dich in Acht. Die klau’n wie die Raben. Sie brauchen den Stoff, wie ich.
Meine Alten ham mich vor die Tür gesetzt. Ich brauch sie nicht mehr. Sie haben es später bereut, aber ich, ich will nicht mehr zurück.
Einmal ham sie mich in der Wohnung eingesperrt. Meine Mutter hat die ganze Zeit geheult. Ich hab die Tür eingetreten. Ich lass mir nichts mehr verbieten. Nicht von denen.
Auch die Bullen könn’ uns nix. Wenn die uns finden, bekommen sie uns nicht. Wir sind zu viele. Wir sind zu schnell. Wir nehmen und unsere Freiheit, der Stoff hilft uns dabei.
Es ist ganz einfach: Stoff, Besteck, Klo. Wenn kein Klo da ist, auf offener Straße – du bist überall zu Hause. Alles gibt’s überall: Freier, Dealer, Junkies.
Ein Teufelskreis? Der Lauf der Dinge eben. Und anders hält man’s ja nicht mehr aus.
Die einzige Angst: Der Goldne Schuss. Du siehst die Leute neben dir verrecken. Zu viel des Guten, es nimmt dir dein Leben. Doch vielleicht isses auch besser so. Keine Schmerzen mehr, weißt du? Und du bist glücklich gestorben, weißt du?
„High“.
Dann hört die ganze Scheiße endlich auf und du brauchst keine Angst mehr haben vor dem „Danach“. Dieses eine geht nicht mehr vorbei: Es muss schön sein, so zu sterben.

Eine Episode zu dem Roman von Sybille Berg „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ (1997) im März 2007 von A. E. W., aus der Reihe "Problemkinder - Porträt einer schizophrenen Jugend"

Quelle Foto: http://www.drogeninfos.de/bilder/newsbilder/spritze.jpg
15.3.07 16:40





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